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Isabel Schmiga
»Wink«
18. Mai – 15. Juni 2014

Vernissage am 18. Mai 2014
Einführung: Wilhelm Werthern
Kunstredakteur der deutschen Ausgabe der Monatszeitung Le monde diplomatique

Die Arbeiten von Isabel Schmiga (*1971, lebt und arbeitet in Berlin) sind Operationen mit gezieltem Schnitt. Die Künstlerin macht sich an den Zeichen zu schaffen, dem Abbild vom Urbild, der Form und dem Wort. Skurrile Verwandlungen sind das Resultat dieser Eingriffe. „Die Wissenschaftler beherrschen zwar die Welt“, schreibt der Wissenschaftshistoriker Bruno Latour, „aber nur so weit, wie ihnen die Welt in Form zweidimensionaler, überlagerbarer und kombinierbarer Inskriptionen entgegenkommt.“ Die Nichtbeherrschbarkeit der Welt wird durch Isabel Schmigas Arbeiten allerdings gewiss. Zweidimensionalität ist ihr fremd.
Das Nachdenken über gesellschaftliche Akzeptanz von Formen der Macht und ihre Kontrollmechanismen in unserer Alltagsumgebung steht dabei genauso im Zentrum ihrer Forschung wie die Frage danach, wie geschlechtlich strukturierte Subjektpositionen und Klassifikationen in die Wissensproduktion eingeschrieben werden. Ironie und Pseudowissenschaftlichkeit sind ihre ständigen Begleiterinnen.
Isabel Schmigas Arbeiten sind zumeist stille Kunstwerke, die sich einem schweifenden schnellen Betrachterblick entziehen. In wissenschaftlicher Kleinstarbeit und mit viel Materialsorgfalt legen sie verborgene Bedeutungsebenen frei. Sie fordern unser Sehen, unser Denken und Urteilen stets mit Humor heraus. Dabei erkunden ihre Arbeiten auch grundsätzliche Fragen künstlerischer Prozesse wie zum Beispiel innerbildliche Grenzen von Fläche und Raum, von Ding und Oberfläche sowie inhaltliche Fragen nach Codierungen und Bezeichnungen.
Die uns oft unbewusste Vielsprachigkeit vertrauter Gegenstände und Symbole konturieren die Sicht der Künstlerin in doppeltem Sinn: Das Sehen und das Erzeugen von Ähnlichkeiten ist Motivation und zugleich Motiv ihrer künstlerischen Position. Nichts bleibt dabei dem Zufall überlassen, jedes Detail entpuppt sich nach eingehender Betrachtung als dezente Setzung oder gehaltvolle Anspielung auf den Kontext der jeweiligen Arbeit.
Auch der Ausstellungstitel WINK ist ein Fingerzeig - hier ein ganz buchstäblicher. Bringt die Deutsche Bedeutung des Wortes der Wink (Fingerzeig, Anspielung, dezenter Hinweis, Äußerung durch eine Bewegung, besonders der Hand) das Körperteil Hand ins Spiel und damit das Begreifen, deutet the wink (im Englischen: der Augenblick, das Augenzwinkern, das Blinzeln und das Zwinkern) direkt auf das sehende Auge. Das Motiv der Einladungskarte, auf der die Installation KAIROS zu sehen ist zeigt deutlich, dass Isabel Schmigas Arbeiten sinnliche Entsprechungen zu gedanklichen Prozessen darstellen, die selbst das körperlich nachvollziehen, was inhaltliche Aufladung ist und was nicht haltbar ist: Bewegung.
Zwei Gabeln stecken in Augenhöhe in der Wand und bekommen ausschließlich durch die Tiefe der Löcher ihren schwebenden Halt. Gleichsam ergreift ein zupackender Blick den Moment der physischen und zeitlichen Balance. Auf den Stielenden lagern sanft zwei Glasmurmeln, die sich wie ein Augenpaar im Wechselspiel mit dem blickenden Betrachter befinden und genau an dem Ort aufliegen, wo noch kurz zuvor die Hand die Gabeln ergriff, um sie in die Wand zu stoßen. Jetzt stoßen die ungeschützt ruhenden Murmeln unser Denken an. Sie sind nicht zusätzlich befestigt - allein ihre Erdenschwere halten sie in Position. Isabel Schmigas Installation KAIROS vergegenwärtigt pointiert, wie fragil und auch physisch bewegt das Verstreichen des „rechten Moments“ sich negativ auf die Gesamtsituation auswirken kann.