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Anastrophenwanderung
vom Kunstverein Brackenheim zum Stockheimer Backhaus
In Kooperation mit den LandFrauen Stockheim. Mit einem kulturhistorischen Beitrag von Isolde Döbele-Carlesso und der performativen Begleitung von
Georg Winter (AG AST Arbeitsgemeinschaft Anastrophale Stadt).
Mit anschließendem gemeinsamen Mahl, bestehend aus frischem Backhausbrot, naturbelassenen Ölen, Wasser und Wein.
Samstag, 20. Juni 2015

“Ich habe mir meine besten Gedanken ergangen und kenne keinen Kummer, den man nicht weggehen kann.” sagt der dänische Philosoph Søren Kierkegaard schon im 19. Jahrhundert.
Zum Wandern, Gehen und Spazieren, den vielfältigen Vorzügen dieser Bewegungsformen muss heute nicht viel gesagt werden wo doch schon unser Goethe “Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen.” und später, der hier fußläufige Theodor Heuss “Der Sinn des Reisens ist es, an ein Ziel zu kommen, der Sinn des Wanderns, unterwegs zu sein.” sinnreiche Verknüpfungen zwischen der Bewegung, der Sprache und dem Wahrnehmen der Welt gefunden haben. Eine kurze Erläuterung verdient hier eher der Begriff „Anastrophe“ der sich heute mit einer Wanderung verbündet. Wenn wir zu unseren alten Griechen zurückgehen sehen wir die Vorsilbe „Ana“ für „hinauf“, „nach oben“ und die Vorsilbe „Kata“ für „hinab“, „nach unten“. Nehmen wir die „Strophe“ dazu dann kommen wir schnell auf die Zusammensetzung „Katastrophe“. Von der Katastrophe haben wir eine Vorstellung. Die Strophe „strephein“ aus dem Griechischen lässt sich mit „das Drehen, die Wendung“ übersetzen. Ursprünglich in der griechischen Tragödie beheimatet, beschreibt die Strophe eine schnelle Tanzwendung des Chors in der Orchestra. So ist zunächst die Katastrophe als Umschwung der Handlung in der Tragödie, einer Wendung nach unten zu verstehen. Die entscheidende Wende zum Schlimmeren als Schlußhandlung im antiken Drama. In unserem Verständnis ist die Katastrophe das größtmögliche Unglück, ein unabsehbarer und unberechenbarer Vorgang mit fataler Auswirkung auf die Existenz. Was ist eine Anastrophe? Die Anastrophe ist eine Zusammensetzung des griechischen aná = hinauf und stréphein = wenden und meint die Wende zum Besseren. Die Anastrophe ist das Gegenteil der Katastrophe. Ist die Katastrophe, eine Kumulation verschiedener desaströser Zustände in einem Endpunkt der völligen Ausweglosigkeit, so ist die Anastrophe in erster Linie als ein Prozess zur Verbesserung von Zuständen zu verstehen. Die Anastrophe, eine Wende zum Besseren und die Katastrophe als Wende zum Schlechteren vereint die Dramatik ihrer Heftigkeit. Sie liegen dicht beieinander. katastrophale Zustände in Gesellschaften und urbanen Räumen, katastrophale Planungsmethoden und Vorstellungen finden in der Anastrophe eine Drehung. Wir versprechen nichts, arbeiten aber beharrlich an der Utopie, des heftigen Richtungswechsels. Scheinen wir der Katastrophe hoffnungslos ausgeliefert zu sein, birgt die Anastrophe ein aktives Handlungsmoment, das erkannt werden will. Aus dem Katastrophenschutz der eine anastrophale Praxis betreibt, kommt eine Organisationsform, die sich ideal mit der Praxis gesellschaftlicher und künstlerischer Selbstorganisation in Verbindung bringt und die ich Ihnen kurz vorstellen möchte. EMON. EMON’s sind Emergente Organisations-Netzwerke (emergent organizational networks). Emergenz meint hier die unerwartete Einflussnahme der Basis auf ein höherliegendes System, dass in Schwierigkeiten geraten ist oder sich in einer Übergansphase befindet. Darunter verstehen wir sich ad hoc also spontan bildende organisatorische Verflechtungen mit flacher Hierarche, die direkt auf eine lokale Situation, Thematik im schlimmsten Fall eine Katastrophe einwirken und deren Zusammenhalt der unmittelbaren Sachlage geschuldet ist. Die EMON’s arbeiten oft unabhängig staatlicher Organisationen, auf eigene Faust, eigene Verantwortung, ortskundig, flexibel und belastbar. Staatliche Stellen, Regierungen, die nicht mehr regieren können, Verwaltungen, die sich in der Bürokratie verirrt haben, und andere sind bei Schwierigkeiten auf Unterstützung durch die EMON’s angewiesen und nehmen die Hilfe gerne an. Es fällt auf, dass neuerdings oft Künstlerinnen und Künstler EMON’s initiieren und daran beteiligt sind. Gemeinsames üben führt zu einer Beweglichkeit, aus der sich die Optionen erweitern lassen. Die Übung erlaubt eine Richtungsänderung ohne Endgültigkeit zu behaupten, ein Arbeiten an der Anastrophe. Die Wanderung als Anastrophenübung.
“Bald eilte mein Fuß, von schräg unten gesehen, weit oben auf schmaler Erde, bald schritt er am Grundweg hin, gerändert vom Rauschen des Bachs. Wobei sich die Füße weit unter mir in beinah schon schwindelnder Tiefe bewegten und dort, verborgen im ledernen Schuh, ihr eigenes Leben führten.” so der Schriftsteller Thomas Rosenlöcher

Hier noch ein kurzer praktischer Hinweis bevor wir gehen:

Legen Sie, wenn Sie mögen den Text: „Alle Körper sind entweder in Bewegung oder in Ruhe.“ Baruch de Spinoza (1632 -1677) in den rechten oder linken Schuh, zwischen Strumpf und Sohle ein.
Der Weg: ca. eine Stunde, ca. 4,5 Kilometer vom Kunstverein Brackenheim zum Backhaus Stockheim.

Gehen Sie den Weg locker an. Denken Sie sich auf dem Weg einen Wendeschritt, eine Drehung, einen Kreisgang, eine Kapriole, eine Kehre, einen Umkehrschritt, eine Hüpfrotation, einen Schrittwechsel, einen Sprung, eine Umdrehung aus, die Sie nach ihrer körperlichen Verfassung entweder alleine oder mit anderen so oft durchführen wie Sie es für richtig bzw. richtungsweisend ansehen...

[…] sind Gehen und Denken zwei durchaus gleiche Begriffe und wir können ohne weiteres sagen (und behaupten), dass der, welcher geht und also der, welcher beispielsweise vorzüglich geht, auch vorzüglich denkt, wie der, der denkt und also auch vorzüglich denkt, auch vorzüglich geht. Wenn wir einen Gehenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er denkt. Wenn wir einen Denkenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er geht.” Thomas Bernhard

„Der Begriff des Fortschritts ist in der Idee der Katastrophe zu fundieren. Dass es ‚so weiter’ geht ist die Katastrophe“ sagt Walter Benjamin. Auf eine Anastrophenwanderung sollten wir die Zuversicht mitnehmen, dass es im Benjaminschen Sinne ‚so nicht weiter geht’ wie bisher und einige von den hier Anwesenden bereit sind dafür etwas zu tun. Georg Winter


Fotos: Georg Winter u. Mirco Andrea Carlesso